Theoretische Beiträge

Jede Form muss bewirkt werden, um überhaupt da zu sein.

Form No6, Kugelschreiber auf Fotokarton, 16x21cm, Holzrahmen anthrazit2017b

 

INHALTSANGABE

  • ABSTRAKTE KUNST ALS WIRKLICHKEITSFORM oder: DAS „ABSOLUTE ZEICHNEN“ von Emanula Assenza
  • DAS KOOPERATIVE ZEICHNERISCHE PROJEKT „GEGEN DIE LEERE“
    von Emanuela Assenza

 

ABSTRAKTE KUNST ALS WIRKLICHKEITSFORM oder: DAS „ABSOLUTE ZEICHNEN“
Der auf Adolf Hölzel zurückgehende Begriff der „absoluten Malerei“ bezeichnete eine expressionistische Ungegenständlichkeit, die sich von externen Ausdruckskategorien und damit auch von assoziativen Bindungen loslöste. Ist die abstrakte Moderne seither ohne jegliche Referenz, oder geht sie Bindungen anderer Art ein? Ist sie auf innere Bestimmungen ausgerichtet, die in der Gestaltung zur Erscheinung kommen? – Wenn die abstrakte Kunst eine andere Form von Wirklichkeit sein will, wenn sie im Sinne der Kunstautonomie gegenüber der schon gestalteten Wirklichkeit bestehen kann, so durch die Selbstpräsenz ihrer Werke. Diese Prägnanz der Erscheinung ist im vorliegenden Zeichnungsprojekt an der Klarheit von Formen experimentell untersucht worden.

Dieses Kunstprojekt beschäftigt sich mit der Frage der Formbildung als Beitrag einer künstlerischen Grundlagenforschung. Alle Fragestellungen haben sich aus der künstlerischen Erfahrung ergeben. Die Reflexionen sind nicht als Theoriebildung hinzugefügt, sondern lenken als Beschreibung der Bildphänomene den Blick auf die Zeichnung zurück.

Eine grundlegende Frage ist die, wodurch Formen bewirkt werden und was an der Bestimmtheit ihrer Gestaltung teilhat. Phänomene der Bewegung, sowie materiale und zeitliche Parameter auf der einen Seite und subjektiv-kulturelle Dispositionen auf der anderen umschreiben den Fragenkomplex der Form-Phänomene. Das erstmals von Hölzel artikulierte Postulat wird somit auf zeichnerischer Ebene aktualisiert, um die Positionierung und den Wert der ungegenständlichen Kunst in einer Zeit der erneuten Dominanz fremdbestimmter Inhalte zu verteidigen.

 

DAS KOOPERATIVE ZEICHNERISCHE PROJEKT „GEGEN DIE LEERE“
Das Thema ‚Formentstehung‘ ergab sich im Herbst 2016 durch zeichnerische Experimente. Aus den künstlerischen Erfahrungen gingen erste Ideen hervor, die in Gesprächen Form annahmen. Die Formbildung in der Zeichnung setzte sich in Gedankenformen fort. Aus den Gesprächen über Kunst gingen neue Fragen, aber auch Erklärungsansätze hervor. Auf diese Weise sind die Forschungsfragen, denen das Projekt gewidmet ist, der künstlerischen Arbeit nicht konzeptionell vorangestellt worden, sondern aus ihr hervorgegangen. Ihre Beantwortung hängt von der Beobachtung zeichnerischer Prozesse ab, sowie mit den damit einhergehenden inneren Vollzügen. Es geht um die Beobachtung eines Bereichs, der als Schnittmenge von Kunst und Anthropologie bezeichnet werden könnte, denn eine Erkenntnis über künstlerische Phänomene ist untrennbar mit der ästhetischen Einstellung und der Interessensrichtung des Künstlers verknüpft.
Erste Fragestellungen waren die nach einer Konkretion des Abstrakten als geschlossene, klar konturierten Form, sowie die nach Inhalt oder Leere der Ungegenständlichkeit. Der Titel `Gegen die Leere` spricht dafür, dass jede Form inhaltsvoll, d.h. aussagekräftig ist. Die Frage bleibt: Was sagt eine Form aus und wie ist ihre `Sprache` lesbar? Zeichnung ist eine andere Form von Sprache, aber wie ist der Inhalt einer Form überhaupt in Worten fassbar?
Alle uns umgebenden Formen der Natur und der Gegenstände finden wir sinnvoll und in fertiger Form vor, ja, auch uns selbst. Eine ungegenständliche Form entsteht neu, ohne jede äußere Referenz. Wodurch aber wird die Form so, wie sie ist? Was lässt sie diese eine sein?
Klar ist, eine Form muss bewirkt werden, um überhaupt da zu sein; Doch fragt sich, welche Instanzen die Gestaltung leiten? Der äußere Vorgang des Zeichnens enthält keinerlei Erklärungsansatz dafür, welche Parameter bei der Erfindung freier Formen maßgeblich beteiligt sind. In der Erfahrung zeigt sich, dass der Prozess in völliger Ungewissheit verläuft, die Formgebung jedoch gleichzeitig bis in alle Feinheiten hinein als unbedingt notwendig und bestimmt erscheint. Dem Willen zur Form ist eine Bestimmtheit eigen, die nicht erst erzeugt wird, sondern die sich von selbst einstellt.
Die Wirkursachen einer Form bleiben für die Beobachtung erstaunlicherweise unzugänglich, obwohl wir selbst es sind, die eine Form schaffen. Dieses Rätsel eines spürbar vorhandenen Ursachenbereichs für die Entstehung einer bestimmten Form, gab Anlass zu immer neuen Zeichnungen.

Letztlich handelt es sich um eine ambivalente Situation von nicht fassbaren Formprozessen einerseits und der Suche nach Formklarheit andererseits: So klar die Form in Erscheinung tritt, so unergründbar scheinen die Wirkursachen und Wirkzusammenhänge der Formbildung zu sein. Dennoch ergaben sich von Anfang an unter den unmittelbaren Eindrücken des Zeichnens erste Erklärungs-Ansätze über das Rätsel des Formschaffens. Beispielsweise wurde deutlich, dass dem Willen zur Form eine Bestimmtheit eigen ist, die nicht erst erzeugt wird, sondern die sich von selbst einstellt. Die Bestimmung einer Form schien vor aller künstlerischen Gestaltungsintention schon zu existieren, und zwar bei jedem Menschen. Auch der Laie, so zeigten es zahlreiche Experimente, kam zu genau dieser Beobachtung, dass im Verlauf einer Zeichnung, insbesondere gegen Ende, ein Drang entsteht, gestalterische Feinheiten auszuarbeiten und manchmal um halbe Millimeter zu modifizieren, um die Form in der Gestalt in Erscheinung treten zu lassen, wie sie sein sollte.
Es scheint die Aussage der Form zu sein, die „stimmen“ muss. Offenbar liest man den Inhalt einer Form, indem man sie anschaut. Würde man hingegen gefragt, was der Inhalt ist, wäre er kaum mit Worten zu fassen.

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